Manfred Traub mit der Rekonstruktion des Erntemessers. Bild: Main-Echo

Ein Hirschgeweih als Erntemesser

Main-Netz Online 06.10.2010 | Wolfgang Schwarzkopf
Ein Hirschgeweih als Erntemesser

Archäologie: Stockstädter Heimat- und Geschichtsverein lässt Steinzeit-Werkzeug nachfertigen – Original ist verbrannt

Nach dem Ende der Sommerpause können Geschichtsfreunde im Stockstädter Heimatmuseum ein archäologisches Zeugnis der reichen Vergangenheit der Industriegemeinde entdecken: Im Vorgeschichtsraum des Museums wird ab dieser Saison ein Erntemesser aus Hirschgeweih ausgestellt, dessen Vorbild aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) stammt und von den Anfängen der hierzulande Landwirtschaft zeugt.

Das Original war eines der ältesten Werkzeuge am bayerischen Untermain. Man entdeckte es mit weiteren Steinbeilen verschiedener Kulturen bei Grabungen auf der Gersprenz-Insel in Stockstadt. Das Fundstück wurde in Aschaffenburg im Museum untergebracht und ist dort im Zweiten Weltkrieg verbrannt.
Nachbildung statt Fotografie
Der Heimat- und Geschichtsverein Stockstadt hat jetzt von der Drechslermeisterin Astrid Dingeldey aus Michelstadt im Odenwald eine originalgetreue Nachbildung des Erntemessers anfertigen lassen. Im Museum war bisher nur eine Fotografie zu sehen. Die Künstlerin bearbeitet hauptsächlich Tierknochen und fertigt Repliken von antiken Gegenstände und Schmuck aus der Römerzeit.
Für das Stockstädter Werkzeug nahm sie ein 34 Zentimeter langes Stück aus einem Zwölfender-Hirschgeweih, fräste eine Längsrille ein und lieferte die Hornsteinmesser. Mitglieder des Vereins setzten in dieses Horn fünf Mikrolithen – messerscharfe Hornsteinabschläge – ein, die sie mit erhitztem Birkenpech befestigten.
Feuerstein-Ernte
Die Form ist charakteristisch: ein kurzer Schaft mit einer seitlichen Klinge. Die Menschen der Steinzeit benutzten ursprünglich zur Ernte vermutlich ungeschaftete Feuersteinklingen oder -messer, mit denen die Getreidehalme knapp über dem Boden abgeschnitten wurden.
Bereits vor dem Beginn der Jungsteinzeit benutzten die Menschen spezielle Erntemesser mit geraden Holz- oder Knochenstücken, in deren Längsseite eine große oder mehrere kleinere Feuersteinklingen eingesetzt waren. Mit diesen Geräten konnten auch Schilf und Grünfutter abgeschnitten werden.
Birkenpech aus der Rinde
Das von Astrid Dingeldey für die Nachbildung des Steinzeitmessers unter anderem verwendete Birkenpech wurde einst auch in Stockstadt hergestellt. Im Oberhübnerwald führt ein alter Waldweg vom Gänsloch in vielen Windungen in Richtung Großostheim. Dieser Weg trägt den Namen Pechofenweg.
Das deutet darauf hin, dass die Vorfahren Pech aus Birkenrinde gewonnen haben. In der Birkenrinde nämlich ist eine dünne, schwarze Schicht eingelagert, die durch große Hitze unter Abschluss der Luftzufuhr in einem speziellen Ofen ausgelöst wurde.
Diese schwarze, zähe Masse verarbeiteten die Menschen zu verschiedenen Zwecken – zum Beispiel als Klebe- und Befestigungsmittel von Pfeil-, Messer- und Speerspitzen. Auch in der Heilkunde wurden die Extrakte eingesetzt.

Die „Xantener Berichte“ wurden vorgestellt. Foto: Heinz Kunke

Die Bibel der Archäologie

20.02.2014

Die Bibel der Archäologie | WAZ.de

Xanten. Im Römermuseum wurden zwei neue Bände der „Xantener Berichte“ vorgestellt

„Es wird sozusagen die Bibel sein, um die sich alle Forschungen der frühen Geschichte ranken müssen“, erklärte Dr. Martin Müller, Leiter des Archäologischen Parks in Xanten, im Rahmen der Vorstellung zweier druckfrischer Bände der Reihe „Xantener Berichte“. Verfasser des 25. Bandes mit dem Titel „Die Capitolinsula der Colonia Ulpia Trajana“ ist kein geringerer als Gundolf Precht. Der 76-Jährige hat im Jahre 1973 mit dem Aufbau des APX begonnen, dessen Leitung er bis ins Jahr 2002 inne hatte. Prechts zehnjährige Forschungsarbeit war zunächst auf einen Zeitraum ausgerichtet, in dem es noch keine römische Siedlung in Xanten gab: „Wir haben ein Langbettengrab aus der Bronzezeit entdeckt, dass wir hier in Xanten nicht vermutet hätten. Das bedeutet, ein Friedhof aus der Bronzezeit befindet sich direkt unter uns.“

Bei Capitolsgrabungen konnten später Sedimentablagerungen entdeckt werden, die zweifelsfrei belegen, dass Xanten Anfang des ersten Jahrhunderts durch ein Rheinhochwasser überschwemmt war. „Diese Hochflut lässt sich bis auf zehn Jahre genau datieren, weil wir oberhalb der Sedimentschicht römische Münzen gefunden haben“, berichtet Precht. Die Forscher konnten ferner Baumängel an römischen Häusern nachweisen, die darin begründet waren, dass in die Erde getriebene Stützpfosten aus Holz mit der Zeit wegfaulten und das Gebäude zum Einsturz brachten. Erstaunlich aus Sicht des Forschers war die Tatsache, dass die römische Siedlung mit allen Häusern und Straßen nach einem Großbrand an der exakt gleichen Stelle wieder aufgebaut werden konnte. „Es handelte sich um dasselbe Ordnungssystem“, staunt Precht. „Es muss damals eine Art Katasteramt gegeben haben.“
Knochen dienten als Haarnadel

Band 26 der Reihe stammt vom Autor Dr. Patrick Jung, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des APX und heute zuständig für den Bereich Archäologie im Ruhr-Museum Essen. Dr. Jung beschäftigte sich in seinem Buch mit Funden aus Bein (bearbeitete Knochen). Rund 2000 dieser Beinartefakte hat er katalogisiert und aufgearbeitet. Unterstützt wurde er dabei von Astrid Dingeldey, der einzigen gelernten Knochenschnitzerin des Landes. Sie half ihm vor allem bei der Bestimmung der Gegenstände. Über die Hälfte davon dienten in der Antike als Haarnadel, daneben fanden Archäologen aus veredelten Rinderknochen, Hirschgeweihen oder Elfenbein hergestellte Steine für Brettspiele oder einen Klappmessergriff in Form eines Hahnenkopfes. Dr. Jung zeigte anhand eines mitgebrachten Gerätegriffs weitere Rückschlüsse auf: „Die umlaufenden Rillen sind so gleichmäßig angelegt, das sie nur auf einer Drechselbank angelegt werden konnten.“ Über die reine Lektüre für Liebhaber römischer Geschichte hinaus sieht der Wissenschaftler eine weitere wichtige Nutzungsmöglichkeit seiner Publikation: „Für uns Archäologen ist das Buch eine Materialvorlage.“

Mit Hilfe der nach antikem Vorbild rekonstruierten Drechselbank kann Astrid Dingeldey Filigranes schnitzen.

Neue Dauerausstellungen im Römermuseum Knochenarbeit auf der Saalburg

Bad Homburg, 04.06.2014
Von Alexander Wächtershäuser
Bild: Saalburg

Die Saalburg ist gleich um drei Attraktionen reicher. In der fabrica wurden eine Schuster- und eine Beinschnitzerwerkstatt sowie eine Garküche eingerichtet.

Am Anfang war die Idee: „Wenn wir schon ein Handwerkergebäude, so wie es einmal in römischer Zeit in der Saalburg gestanden hat, rekonstruieren, dann muss es auch das beinhalten, was damals in einer solchen fabrica gefertigt wurde“, schilderte Saalburg-Direktor Dr. Carsten Amrhein, wie es zu der Eröffnung der neuen Dauerausstellung in eben jenem fabrica-Gebäude kam. Seit gestern können nun die Saalburg-Besucher dort sehen, wie Schuster und Beinschnitzer in der Antike arbeiteten. Eine Garküche nach antikem Vorbild komplettiert das Ganze.

Die Geschichte, die Amrhein erzählte, zeigt aber auch, dass mitunter ein langer Atem gebraucht wird, um aus einer Idee Wirklichkeit werden zu lassen, denn die erste Idee zu dem Gebäude wurde genau vor zehn Jahren diskutiert und die fabrica ist bereits seit fünf Jahren fertiggestellt. Doch das Warten hat sich gelohnt. Die Werkstätten sind nach modernen museumspädagogischen Aspekten eingerichtet und vermitteln anschaulich, wie es vor 1750 Jahren am Limes zuging.

Auch wenn die Dauerausstellungen im weiteren Museumsbetrieb „nicht inszeniert“, also ohne Personen und durch eine Glasscheibe vom Besucherraum abgetrennt sind, so sollen die Räume doch für die Museumspädagogik eine wichtige Rolle spielen. Mittels Videofilmen können Besucher den Handwerkern dennoch über die Schulter schauen

„Für die Einrichtung der Werkstätten und der Küche wurden alle verfügbaren Quellen genutzt“, sagte Ursula Heimes, die das Projekt federführend betreute. Dazu zählen schriftliche Quellen, antike Bildreliefs und vor allem archäologische Funde. Da das nicht allein ausreichte, spielten auch Rückschlüsse aus der Experimentalarchäologie eine gewichtige Rolle.

„Über Beinschnitzereien weiß man nicht viel“, erläuterte beispielsweise Astrid Dingeldey, die sich auf die Bearbeitung von Knochen und Geweihen spezialisiert hat. Ihre Drechselbank ist einem ägyptischen Relief aus der Zeit von 300 vor Christus nachgebaut. Was man dabei nicht erkennen konnte, musste durch Versuche ausprobiert werden. Das Ergebnis ist einer heutigen Drechselbank ähnlich, allerdings wird diese von einem Handbogen angetrieben. Für Dingeldey ist das unproblematisch, selbst filigrane Stücke kann sie mit der „antiken“ Drechselbank fertigen.

Eine „Malstunde“ nach römischer Tradition

Beate Wyglenda | Xanten | 6. Mai 2013

Beim ersten Römischen Wochenende der Saison luden im Archäologischen Park Xanten vier Handwerker zum Mitmachen ein. Auch Erwachsene versuchten sich selbst an Feile und Pinsel.

Beim ersten Römischen Wochenende der Saison luden im Archäologischen Park Xanten (APX) gleich vier Handwerker zum Mitmachen ein. Neben den altbekannten und beliebten römischen Schuhmacher und Knochenschnitzer zeigten diesmal auch ein Töpfer sowie ein Farbenhersteller und Maler ihre Fertigkeiten. So konnten die Besucher im APX die römische Lebensweise nicht nur besichtigen, sondern auch hautnah miterleben.

Die fünfjährige Julia etwa hatte besonders viel Spaß beim Malen mit Naturfarben. „Das war toll. Ich male sowieso gerne und diese Farben lösen sich ganz schnell im Wasser auf“, erzählte sie vergnügt. Als Motiv zum Ausmalen hat sich das Mädchen aus Rees die römische Siegesgöttin Victoria ausgesucht. Doch auch die Herstellungsweise der Farben fand die Fünfjährige spannend.

Farbenhersteller und Maler Jan Hochbruck zeigte Julia anfangs die unterschiedlichen Naturmaterialien, aus denen die Farbe gewonnen wird. „Die Römer verwendeten vor allem mineralische Farben, zum Beispiel Ocker für Goldgelb oder Kupfer mit Natron für das ägyptische Blau“, erklärte der Experte. Die mineralhaltigen Steine wurden dann so lange gerieben, bis sie ein feines Pulver ergaben. Vermischt mit Bindemitteln etwa Wachs, Leim oder Tempera, bestehend aus Ei, Leinöl und Wasser, konnte man die Farbpaste auf Holz, Bauwerke und sogar Kleidung auftragen.

Auch Julia hat sich am Mörser versucht. „Das ist etwas ganz anderes als zu Hause. Ich fände es toll, meine Farben selbst zu machen“, sagte das Mädchen. Ihre Mutter, Christina Heckner, ergänzte: „Die Aktionen zum Mitmachen sind ein tolles Angebot des APX. So bekommen die Kinder einen guten Einblick, wie die Römer gelebt und gearbeitet haben und können die Art und Weise gleich selbst ausprobieren. Wo lernt man heute sonst noch, wie Farben einst hergestellt, Schuhe beschlagen oder Knochen geschnitzt wurden?“ Überhaupt findet die Besucherin aus Rees die Antike sehr interessant. „Es ist faszinierend wie zivilisiert die Römer waren, welchen Fortschritt es damals gab und wie viel Wissen letztlich verloren gegangen ist“, erklärte die junge Frau. Deshalb wollte sie sich auch selbst an den Handwerkskünsten versuchen.

„Es gibt viele Erwachsene, die bei uns zur Feile greifen“, bestätigte Knochenschnitzerin Astrid Dingeldey. Aus dem gut zu verarbeitenden Material, zumeist aus den Mittelfußknochen vom Rind oder Pferd, wurden hochwertige Produkte hergestellt. „Hier feilen wir vor allem Näh- und Haarnadeln, die in etwa 20 Minuten fertig sind. Die Römer aber fertigten auch Spielsteine, Würfel bis hin zu aufwendigen Schatullen aus dem Material“, lehrte die Fachfrau.

Bei Schuhmacher Kurt Rose konnten sich Interessierte Lederschlüsselanhänger in Schuhform mit so genannten Punzen verzieren. Dabei wurden die Punzen mit einem Hammer ins Leder geschlagen, so dass das jeweilige Motiv eingestanzt wurde.

Bei Töpfer Michael Bours-Bergau durften Miniatur-Theatermasken aus Ton modelliert werden, während der Profi an römischen beweglichen Puppen arbeitete.

Quelle: RP

II.Obernburger Römerfest 2009

Förderkreis Mainlimes-Museum e.V.

Handwerk

Wie fingen die römischen Fischer die berühmten Mainwelse? Wie werden aus Rinderknochen filigrane Haarnadeln gefertigt? Wie entsteht die bekannte Obernburger Ranke aus dem Sandstein der Region? All diese Fragen beantworten kundige römische Handwerker und bieten Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit, antike Lebenswelt direkt zu erfahren und aktiv zu werden.

Beinschnitzer – Astrid Dingeldey
Fischer – Jörg Nadler
Holzfäller
Metallgießer
– Frank Wiesenberg
Plattner – Martin Brand
Steinmetz – Volker Preuß
Schmied – Alois Straub
Schmied – Anton Reuß
Schreiber – Christoph Weber
Töpfer – Agathe Rollmann
Truppenarzt
Friseur –
Schmock Friseurteam

Kinder lernten unter anderem beim römischen Wochenende im LVR-Archäologischen Park, wie man mit Knochen schnitzt. Foto: Ute Gabriel

Flip Flops im alten Rom

WAZ | 05.05.2013 | Erwin Koh

Kinder lernten unter anderem beim römischen Wochenende im LVR-Archäologischen Park, wie man mit Knochen schnitzt.
Xanten.   Von wegen nur Sandalen: Die jetzt gestarteten „Römischen Wochenenden“ zeigen, dass die Menschen in der Antike modebewusster waren, als viele Besucher des APX bislang dachten

Handwerk hat goldenen Boden. Dass dieser Spruch bereits vor mehr als 2 000 Jahren Gültigkeit besaß, demonstrierten Vertreter dieser Zunft im Rahmen der am Samstag begonnenen „Römischen Wochenenden“ im archäologischen Park in Xanten (APX). Einer derjenigen, die ihre Freizeit der antiken Handwerkskunst widmen, ist Schusterobermeister Kurt Rose. An seinem Stand neben der römischen Herberge können die Besucher nicht nur dabei zusehen, wie eine römische Legionärssandale entsteht, Kurt Rose präsentiert seine Produkte auch in einem kleinen Schauraum.

Haarnadeln aus Knochen

Wer glaubt, das römische Modebewusstsein fürs Schuhwerk beschränkte sich auf ordinäre Sandalen, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ob knallrote, fast schon modisch wirkende Halbschuhe, plüschige Filzpantoffel oder aufwendig beschlagene Stiefel, das Angebot war riesig. Und wie so oft, waren die Römer auch bei der Fußbekleidung ihrer Zeit weit voraus.
„In Xanten wurden historische Flip Flops gefunden, die bis auf die breitere Sohle den heutigen ähneln“, erklärt der Weseler. Selbstverständlich hat er sie direkt dem Vorbild entsprechend nachgefertigt und das mit Werkzeug, das sich im Laufe der Jahrtausende kaum verändert hat. „Die Römer arbeiteten wie heutige Schuster mit Lochzangen oder Ahlen. Im Laufe der Jahre haben sich eigentlich nur die Griffe daran verändert“, sagt Kurt Rose.
Nebenan schnitzen Kinder begeistert an Knochen. Unter der Anleitung von Astrid Dingeldey entstehen auf diese Weise Haarnadeln, mit denen die Damen in der Antike ihre Frisuren hochsteckten. Das sieht bei Julia Ißel noch etwas wirr aus, dennoch gefällt der Schülerin das Ergebnis ihrer halbstündigen Handarbeit: „Damit gehe ich am Montag in die Schule.“
„Brot und Spiele“ lautete das Motto damals und so verwundert es nicht, dass die Römer eine Vorliebe für das Theater hatten. Die Verkleidung bestand zumeist aus einer tönernen Maske, die sichdie Akteure vor das Gesicht hielten. Anne – Claer Bours – Bergau modelliert mit Kindern Masken im Miniaturformat. Abbilder der römischen Gottheiten Jupiter, Juno oder Pluto werden in einer Gipsform hergestellt und anschließend luftgetrocknet. Ein Gesicht fällt dabei aus dem Rahmen. „Bei römischen Theaterstücken musste immer einer der Dumme sein“, erklärt die Xantener Künstlerin.
„Tertius Mummius Pictor“ heißt eigentlich Jan Hochbruck und widmet sich der antiken Malerei. Im Rahmen der römischen Wochenenden stellte er diese Kunst nicht nur vor, sondern ließ Interessierte zum Pinsel greifen. Die Farben mussten zunächst hergestellt werden. Pigmente, den Grundstoff dafür, kauft er fertig ein, das taten bereits die Künstler in der Antike. Ob leuchtend roter Zinnober, Ocker in blassrot und gelb, grüne Erde aus Bayern oder indigoblauer Waid – die Natur hat jeden Farbton parat. Damit die Farben besser haften, mischt er sie nach alter Römer Sitte mit „Hasennudeln“. „Bei der Filzherstellung fallen Hautfetzen an. Diese werden in kochendem Wasser zu Leim.“ Dann greift der Kölner zur Jakobsmuschel, mischt darin eine Farbe an und bemalt einen Grabstein, der seinen Künstlernamen trägt.

Gundolf Precht, Patrick Jung und Martin Müller (von links) präsentierten gestern zwei neue Bände der Reihe "Xantener Berichte". FOTO: armin fischer

APX stellt neue Bücher über das römische Xanten vor

Xanten. Wie sah es im „römischen Xanten“ aus, bevor um das Jahr 100 herum die Colonia Ulpia Trajana gegründet wurde? Erkenntnisse dazu liefert der Band 25 der „Xantener Berichte“, der gestern im Römermuseum vorgestellt wurde. Von Josef Pogorzalek

Verfasst wurde das Buch von Gundolf Precht, dem 2002 aus dem Amt geschiedenen langjährigen Leiter des Archäologischen Parks Xanten (APX). Precht hat in zehnjähriger Arbeit Untersuchungen der „Capitolinsula“ ausgewertet, des Quartiers der Römischen Stadt, auf dem in den Jahren 136/38 der wichtigste Tempel erbaut wurde. Das Gebäude wirkte, so der Autor gestern, wie eine Versiegelung der darunter liegenden Bodenschichten. In diesen gibt es Spuren (so ein für die Region ungewöhnliches „Langbettengrab“), die in die Bronzezeit (2200 bis 800 vor Christus) zurückreichen. Laut Precht gab es dann im ersten Jahrhundert nach Christus auf der späteren Capitol-Insula eine römische Siedlung, die zunächst durch ein verheerendes Rhein-Hochwasser und dann durch einen Brand zerstört wurde.
Ein weiteres Feuer legten die Siedler wohl selbst während des Bataveraufstands im Jahr 70: Die Menschen flüchteten in das Militärlager auf dem Fürstenberg und wollten nicht, dass ihre Häuser dem Feind in die Hände fallen. Auch für die Zeit nach dem Bataveraufstand bis zur Colonia-Gründung belegt Precht eine Besiedlung, die so bislang nicht bekannt war.
Unglaubliche Details fördert die Archäologie anhand von Bodenuntersuchen zutage. So weiß Precht von einem Haus zu berichten, dass aufgrund von Konstruktionsmängeln (das Holzgerüst faulte im feuchten Boden) wie ein Kartenhaus zusammengefallen sein müsse. „Es kann höchstens zehn Jahre gestanden haben.“ Dass Neubauten exakt auf den Parzellen der alten Häuser entstanden, zeige, dass es ein „Ordnungsamt“ gegeben habe, das eine planvolle Entwicklung der Siedlung steuerte.

Als einen Meilenstein der Forschung wertete APX-Leiter Martin Müller gestern Prechts Arbeit. Er zeigte sich sicher, dass der ebenfalls vorgestellte Band 26 der „Xantener Berichte“ das Interesse der internationalen Fachwelt erregen wird. Patrick Jung, ehemals im APX und jetzt am Ruhrmuseum Essen (Zeche Zollverein) tätig, hat sämtliche 2000 Funde aus Bein (bearbeiteter Knochen) aus der Colonia katalogisiert. In Zusammenarbeit mit Drechselmeisterin Astrid Dingeldey (Besuchern der Römischen Wochenenden im APX als Knochenschnitzerin bekannt) hat er die Technik der Herstellung der Haarnadeln, Spielsteine, Messergriffe und anderer beinerner Gebrauchsgegenstände untersucht. Der Kölner Spezialist Hubert Berke steuerte die Bestimmung des Materials bei: größtenteils Rinderknochen, zu acht Prozent Rothirsch-Geweih, zu zwei Prozent Elfenbein von Elefanten. Knochenschnitzer betrieben auch im römischen Xanten ihre Werkstätten. Das Arbeitsmaterial fiel als Schlachtabfall reichlich an und war beliebt – so etwas wie das „Plastik der Antike“.
Die Reihe „Xantener Berichte“ richtet sich an ein Fachpublikum. Sie erscheint im Verlag Philipp von Zabern Darmstadt/Mainz. Band 25, „Die Capitolinsula der Colonia Ulpia Traiana“ (ein Doppelband im Schuber mit Texten und Beilagen) kostet 129 Euro. Band 26, „Die römischen Beinartefakte aus dem Gebiet der Colonia Ulpia Traiana“, ist zum Preis von 75 Euro erhältlich.
Quelle: RP

Wo sich Legionäre mit Knochenschnitzern treffen

Kämpfen wie einst die Gladiatoren oder aus Knochen Schälchen schnitzen? Das konnten Besucher bei den Römertagen in Aalen. 300 Freizeit-Römer entführten die Schaulustigen in alte Zeiten. Von Markus Lehmann

Kinder mit bunten Rucksäcken und Papp-Helmen sowie Papas, die mit der Digital-Kamera wilde Gladiatorenkämpfe festhalten: Es sind allein die Besucher, die daran erinnern, dass wir das Jahr 2012 und nicht 200 nach Christus schreiben. Bei den Römertagen im baden-württembergischen Aalen, wo einst etwa 1000 Reiter im größten römischen Reiterkastell nördlich der Alpen am Limes gegen die Germanen wachten, soll es möglichst authentisch zugehen.

Dafür sorgen 300 Akteure, die am Wochenende zwei Tage lang zum Legionär, Sandalenhändler, römische Tänzerin, Feldvermesser, Zenturio oder Schwertschmied werden.
Das gewundene Rohr „Cornu“ schickt Befehle über das „Schlachtfeld“. Und schon stürmen die Kämpfer mit gezücktem Schwert, in schwerer Rüstung und Schild aufeinander los. Sie exerzieren die „Schildkröte“, eine Formation, die „Asterix“-Leser bestens kennen. Später messen sich die Gladiatoren mit Spieß, Netz und Dreizack im Zweikampf. Auch römische Artillerie ist aufgefahren. Katapulte waren verheerende Waffen, das Torsionsgeschütz „Ballista“ verschießt mit 600 Pfund Zugkraft Pfeile.

Die Akteure nennen sich „Timetrotters“

„Timetrotters“ nennen sich die Akteure, die „LEG VIII“ ist aufmarschiert oder die „Familia Gladiatoria“ aus Ungarn. Am populärsten ist die „Familia Gladiatoria Pulli Cornicinis“, die Gladiatoren um den Historiker Marcus Junkelmann. Der Experte in experimenteller Archäologie will die Zeit der Römer möglichst authentisch ins 21. Jahrhundert übertragen. Nach Original-Vorlagen sind Waffen, Rüstung und Kleidung entstanden.
„In der Schule habe ich gelernt, dass heute alle Geräte und Gegenstände viel besser sind als zur Römerzeit, aber die Römer waren nicht blöd und auf einem erstaunlich hohen technischen Niveau“, sagt Titus Flavius Erinaceus. Der „blonde Igel“, so sein Name, ist eigentlich Werkzeugmacher – und Freizeit-Römer. Die Sandalen sind bequem, die Rüstung scheuert und drückt nicht. Was ihn fasziniert, ist, dass alles funktioniert. So wie das Wurfgeschütz. Das sei eben etwas anderes als ein Laser-Schwert aus Star-Wars.
Warum spielt man in der Freizeit den Römer? „Der eine ist dabei aus historischem Interesse, der andere wegen der coolen Klamotten“, erzählt Titus Muranius Rana. Im normalen Leben ist er Hausmann, heute für den Kampf gerüstet.

Alles soll möglichst authentisch sein

Eine Knochenschnitzerin fertigt Löffel, Döschen, Knöpfe, Würfel aus Rinderknochen und Horn, edle Römerinnen tanzen in langen Kleidern, Händler bieten Schmuck, Öllampen, Gürtel, Gewänder, Töpferwaren und jede Menge antiker Repliken an.
Möglichst authentisch soll auch das sein, was auf den Tellern im großen Römerlager serviert wird. Etwa der „Legionärsteller“ mit Weinfrikadellen, die „Caesar-Platte“ mit Hühnchen im Knusperteig, römisches Brot, „Fabata“ (Bohnenpaste) oder Süßes aus Graupen, Honig und Früchten.
In tönernen Bechern wird „Mulsum“ kredenzt, weißer Gewürzwein mit Honig, Koriander und Honig. Die Römer würzten am liebsten Wein aus Griechenland damit, dem sie lange gallischem Wein vorzogen, erklärt Jürgen Coupona am Stand für die Verpflegung des Militärs. Doch der griechische Wein, den er sonst zu „Mulsum“ macht, ist momentan schwer zu bekommen. Das liege wohl an der Griechenland-Krise, meint er. Da sind die Römer in Aalen wieder im Jahr 2012 angekommen.